Petry/ Thomsen: Wie sich die Ewigkeit einschlich

Wie sich die Ewigkeit einschlich

Paul Petry und Alexander Thomsen


Inhalt

  1. »Ewig« ist nicht endlos

  2. Wie die lateinische Sprache die Theologie beeinflusste

  3. Ewig und säkular

  4. Tertullian

  5. Aiōn in alten Übersetzungen

  6. Zitate aus Schriften der Kirchenväter

Die nachfolgenden Ausführungen, die etwas gekürzt schon einmal im Mai 1936 in unserer Zweimonatszeitschrift »Unausforschlicher Reichtum« erschienen sind, verdanken wir einem Mitarbeiter in Schottland, Alexander Thomson, dessen Spezialfach alte und älteste Bibelübersetzungen sind. Wir haben bei der Bearbeitung des englischen Artikels die vielfachen Bezugnahmen auf britische Bibelübersetzungen fortgelassen und dafür Verschiedenes eingefügt, was uns für deutsche Leser wichtig erscheint. In überzeugender Weise dürfte in dieser Abhandlung der Beweis erbracht sein, dass nicht nur die Übersetzung des griechischen Wortes aiōn mit Ewigkeit im Sinne von Endlosigkeit in der Bibel keine Berechtigung hat, sondern dass überhaupt dem Wort »Ewigkeit« im Deutschen wie in anderen Sprachen die ihm heute beigemessene Bedeutung ursprünglich fremd war. Das volle Verständnis für die Äonen der Bibel ist anscheinend schon bald nach den Tagen des Paulus verlorengegangen. Als es dann mit der griechischen Kirche abwärts ging und die lateinische mit einer eigenen Übersetzung der Schrift, der Vulgata des Hieronymus, in den Vordergrund trat, musste diese mit ihrer inkonsequenten Wiedergabe der griechischen Ausdrücke aiōn und aiōnios dazu beitragen, die auf den Karthager Tertullian zurückgehende lateinische Theologie zu stützen, in deren Mittelpunkt nicht mehr wie bei den griechischen Kirchenvätern, die das Neue Testament noch besser verstanden haben, Gott in Seiner Liebe zu den Menschen steht, sondern der sündige Mensch, der vor seinen Richter geladen ist und mit endlosen Höllenstrafen zu rechnen hat. In der unterschiedlichen Bedeutung, die man dem Wort aiōn beilegt, spiegelt sich im Grunde der Kampf zwischen der griechischen, d.h. hier der biblischen, und der römischen, mehr rechtlich-gesetzlichen Auffassung des Evangeliums wider. Die Reformatoren haben dann, ohne es zu wissen und zu wollen, römischen Sauerteig mit übernommen. Als eine Folge davon wird weithin in der evangelischen Christenheit die biblische Wahrheit von dem Gott, dem es wohlgefiel, alles im Himmel und auf der Erde in Christus mit Sich Selbst auszusöhnen, zu dem Ziel hin, dass Er schließlich alles in allen sei, als Irrlehre verketzert.

Möge es Gott gefallen, diesen kleinen Beitrag zu einem richtigeren Verständnis Seines Wortes zu segnen und Seine herrliche Wahrheit in hellem Licht erstrahlen zu lassen.

»Ewig« ist nicht endlos

Das inspirierte Gotteswort spricht niemals von Ewigkeit. Nichts bezeichnet es als ewig. Es enthält keinen Ausdruck, der in sich selbst die Bedeutung unseres Zeitbegriffs »immerwährend« trägt. Weil Ewigkeit mithin kein Gegenstand göttlicher Offenbarung ist, werden wir jetzt aufzudecken suchen, wie und wann dieser unbiblische Begriff mit seinen überaus unheilvollen Folgen Eingang in die Theologie erlangt hat. Da es sich hier um eine geschichtliche Untersuchung handelt, werden wir eine Reihe historischer Ereignisse und eine Anzahl früherer Übersetzer und ihre Arbeiten anführen müssen. Wir hoffen, dass solch eine Untersuchung, verbunden mit der Überprüfung verschiedener Stammwörter, die sich auf Zeit beziehen, allerlei Zweifel bei denen beseitigen wird, die sich nicht ganz sicher fühlen, wenn sie in der Konkordanten Übersetzung des Neuen Testaments durchgehend anstelle von »ewig« das Wort »äonisch« sehen. Wir dürfen wohl getrost behaupten: Je gründlicher man die ersten Jahrhunderte des Christentums durchforscht, desto klarer tritt zutage, dass allein eine unsachliche Theologie für die Verdrängung der biblischen Lehre von den Äonen durch das kirchliche Dogma von der Ewigkeit verantwortlich ist.

Offenbarung 10:6 übersetzen Luther und andere: »Dass hinfort keine Zeit mehr sein soll.« Das ist an sich völlig richtig, nur besteht die Möglichkeit, diese Formulierung in zweierlei Sinn auszulegen; und es ist tatsächlich so ausgelegt worden, als werde nun bald die »Zeit« enden und die »Ewigkeit« anbrechen, eine Vorstellung, der nicht der geringste Schriftbeweis zu Grunde liegt. Der Zusammenhang an dieser Stelle beweist, dass kein Aufschub mehr stattfinden soll, bis das Geweissagte eintrifft, im übrigen aber auf die geschilderten Ereignisse zunächst eine Periode von tausend Jahren folgt, während welcher »Zeit« fortdauert.

Es ist darum richtiger zu schreiben, wie es die Konkordante Übersetzung tut: »Es wird kein Zeitaufschub mehr sein.« Darauf läuft auch die Übersetzung von Menge hinaus, wenn er schreibt: »Es wird hinfort kein Verzug mehr sein.« Auch bei Elberfeld heißt es: »Es wird keine Frist mehr sein«, und in der Fußnote steht: kein Aufschub. Nirgendwo lehrt die Schrift, dass Zeit an sich einmal zu Ende geht. Alles, was sie hierüber offenbart, ist, dass die Äonen einmal ein Ende haben werden. So steht in 1. Korinther 10:11 z. B.: »Zu denen die Abschlüsse der Äonen gelangt sind« (Luther hat hier: »das Ende der Welt«). Ebenso steht in Hebräer 9:26: »Für den abschließenden Zeitraum der Äonen«.

Wenn die Schrift lehrt, dass gewisse Dinge auch nach dem Abschluss der Äonen bestehen werden, oder irgend etwas als endlos beschreibt, wird im Griechischen eine besondere, verneinende Form des Umstandswortes bzw. Verhältniswortes gebraucht, um dies auszudrücken, wie in den folgenden Beispielen:

Luk. 1:33

»Seine Königsherrschaft wird keinen Abschluss haben« (ouk estai telos = nicht wird-sein Vollendung).

1. Kor. 15:42

»Auferweckt wird in Unvergänglichkeit« (aphtharsia; der Anfangssilbe »a« entspricht das deutsche »un-«).

1. Kor. 15:53

»Denn dieses Sterbliche muss Unsterblichkeit anziehen« (athanasia = Un-Tod, Tod-Losigkeit).

1. Pet. 1:4

»… zu einem unvergänglichen, unentweihten und unverwelklichen Losteil« (amaranton = un-verwelklich).

Heb. 7:16

»Nach der Kraft unauflöslichen Lebens« (akataluton = un-auflöslich).

1. Tim. 1:4

»Endlose Geschlechtsregister« (aperanton = un-andere­Seite im Sinne von »zu nichts führend«, d. h. ohne Ziel und Ende).

Wenn die Äonen dazu bestimmt sind, einmal ein Ende zu nehmen, so muss auch alles, was äonisch ist, einmal enden oder von dem verschlungen werden, was auf sie folgt. Gerade Gerichte, die als äonisch bezeichnet werden wie das Feuer in Matthäus 18:8, der Ruin fern vom Angesicht des Herrn in 2. Thessalonicher 1:9 und das äonische Urteil in Hebräer 6:2 werden zu bestimmter Zeit ein Ende haben. In grellem Gegensatz zu solchen nur äonischen Gerichten steht das furchtbare Schicksal der Stadt Babylon, wie es Offenbarung 18:21-23 geschildert wird, wo uns innerhalb dreier Verse nicht weniger als sechsmal der feierliche negative Ausdruck »niemals mehr« (ou mê eti) begegnet:

So wird Babylon, die große Stadt, mit Wucht hinabgeworfen und niemals mehr darin gefunden werden. Niemals mehr wird man einen Ton von Harfensängern, Unterhaltern, Flötenspielern oder Posaunenbläsern in dir hören. Auch wird man niemals mehr irgendeinen Kunsthandwerker irgendwelcher Kunst in dir finden. Niemals mehr wird man das Geräusch eines Mühlsteins in dir hören. Niemals mehr wird das Licht einer Leuchte in dir scheinen. Niemals mehr wird man die Stimme eines Bräutigams und einer Braut in dir hören.

Nicht einmal Gott wird in der Schrift »ewig« genannt. Was zwingt uns denn auch, Ihn als ewig zu bezeichnen? Ist es nicht fast beleidigend, solch ein Beiwort von Einem zu gebrauchen, der, um wirklich Gott zu sein, eben ewig, also zeitlos ohne Anfang und Ende sein muss? Wir sprechen doch auch nicht von nassem Regen. Wäre er nicht nass, so wäre er kein Regen. In der Schöpfungsgeschichte wird das Dasein Gottes einfach vorausgesetzt. Kein Versuch wird gemacht, zu erklären, wer Gott ist, woher Er kam, oder Beweise für Sein Dasein zu erbringen. Die Schöpfung setzt Seine Existenz voraus, und der Glaube nimmt Ihn an. Dass Er der »äonische Gott«, d. h. der Gott der Äonen ist, das ist eine besondere, hinzugefügte Offenbarung. Ebenso kann Er Sich den »Gott Israels« nennen und dennoch der Gott des ganzen Weltalls sein. Während es Ihm unmöglich ist, mehr als ewig, als immerwährend zu sein, ist Er selbstverständlich nicht nur äonisch. Auf einer Bleitafel aus dem Anfang des dritten Jahrhunderts, die man in der Totenstadt Adrumetum in Nordafrika gefunden hat, ist folgende Inschrift in griechischer Sprache eingegraben: »Ich beschwöre Dich, den großen Gott, den äonischen und mehr als äonischen (epaiōnion) und allmächtigen, den Einen, der erhaben ist über die erhabenen Götter.« Theologen meinen, hier müsse übersetzt werden: »… den ewigen und mehr als ewigen.« Demgegenüber darf behauptet werden, dass keine Sprache noch geraume Zeit nach dem ersten christlichen Jahrhundert irgendeinen Ausdruck zur Bezeichnung von »Ewigkeit« im heutigen Sinn hatte.

Wie konnte nun solch ein Begriff entstehen und sich so fest einbürgern? Dazu ist zunächst folgendes zu beachten: Die hebräische Heilige Schrift ist fast ausschließlich in reinem Hebräisch geschrieben. Ebenso ist es mit der griechischen; sie enthält kaum andere als rein griechische Wörter. Mit den europäischen Bibeln ist das aber sehr anders. Sie enthalten viele Ausdrücke, die aus dem Lateinischen stammen, die englische allerdings weit mehr als die deutsche. Hätte man im frühen Mittelalter nicht alle Bibelübersetzungen nach der lateinischen Vulgata gemacht und hätte das Lateinische nicht damals das gesamte kirchliche Leben beherrscht, so hätten sich nicht nur weniger unbiblische oder fremde Begriffe in den theologischen Wortschatz des Abendlandes eingeschlichen, vielmehr hätten auch an sich gute deutsche Wörter ihre ursprüngliche Bedeutung behalten. Das beste Beispiel hierfür ist eben das Wort »ewig«, das sich weitestgehend mit dem griechischen »äonisch« deckte. Dann aber nahm es den Sinn an, der, wie wir später sehen werden, erst in das entsprechende lateinische Wort hineingelegt wurde, um das zu lehren, was die Kirche zum Dogma erheben wollte. Wäre der griechische Grundtext früher im Westen in Gebrauch gewesen, so hätte auch die Entwicklung auf dem Gebiet der Bibelübersetzung und kirchlichen Lehre eine andere werden können. Aber erst die Einnahme Konstantinopels durch die Türken im Jahre 1453 gab den Anstoß zu einer Rückkehr zur Sprache der Inspiration.

Konstantinopel war damals der große Mittelpunkt der Gelehrsamkeit, vor allem der griechischen. Nach dem Eindringen der Türken flüchteten zahllose Gelehrte von dort ins Ausland, verbreiteten sich über ganz Europa und brachten die Kenntnis der griechischen Sprache und die Schätze der griechischen Literatur dem Westen mit. Es ist kaum zu glauben, dass für mehr als ein Jahrtausend das Griechische in den meisten Ländern Europas fast unbekannt oder vergessen war, sogar in Italien, das es einst so völlig beherrscht hatte. In England begann man erst im Jahr 1484 das Griechische öffentlich zu lehren, und zwar an der Universität Oxford, wo Erasmus, der große niederländische Gelehrte, Griechisch lernte und dann Professor dieser Sprache in Cambridge wurde. Sein erstes griechisches Neues Testament gab er 1516 heraus, das erste, das überhaupt zum Verkauf gedruckt wurde. Die erste griechische Grammatik seit wohl mehr als einem Jahrtausend wurde 1476 in Mailand veröffentlicht, das erste Lexikon vier Jahre später. Es war so, wie ein englischer Gelehrter es ausgedrückt hat: Griechenland war auferstanden aus dem Grab mit dem Neuen Testament in seiner Hand. – Um diese Zeit änderten große deutsche Gelehrte sogar ihre Namen in griechische um, so modisch war das Studium des Griechischen geworden. Schwarzerd wurde Melanchthon, Hausschein wurde Oekolampadius, Gerhard erlangte Ruhm als Erasmus, Horn meinte, mit dem Namen Ceratinus mehr Ehre einlegen zu können.

Wie die lateinische Sprache die Theologie beeinflusste

Es wird jetzt notwendig, einen Blick auf sprachliche Zustände in Griechenland und Italien vor und nach den Tagen des Paulus zu werfen.

Das klassische Latein war eine von vielen Sprachen, die von den früheren Einwohnern Italiens gesprochen wurden. Zuerst war es nur der Dialekt eines schmalen Landstrichs um Rom. Andere Dialekte, die sich im Laufe der Zeit damit vermischten, waren von sehr unterschiedlicher Art. Im Süden Italiens gab es viele griechische Kolonien, so dass diese Landschaft als »Groß-Griechenland« bekannt war. Von den Anfängen einer beglaubigten Geschichte an dürfte die griechische Sprache einen starken Einfluss auf Italien ausgeübt haben. Was in späteren Zeiten der abgeschliffene Dialekt Roms wurde, war aber nicht die Sprache des gemeinen Volkes, ebenso wie das klassische Griechisch der Dichter und Denker nicht das der gewöhnlichen Leute war. Die Alltagssprache der Griechen war mehr der Art, wie sie in der Schrift gefunden wird, bekannt unter dem Namen koinê, d. h. die gemeine Redeweise. Latein war die Sprache der römischen Patrizier, der Gebildeten, der Politiker, eines nur schmalen Ausschnitts aus dem Volk.

Eine Folge des stürmischen Eroberungszugs Alexanders des Großen (334-323 v. Chr.) war, dass Griechisch die Sprache der Regierung und der Literatur fast durch die ganze damalige zivilisierte Welt wurde. Es wurde die Misch- und Umgangssprache in Palästina und Ägypten. Aber nach dem Zerfall des Weltreichs wurde Rom immer mächtiger, und um 189 v. Chr. war seine Herrschaft über Griechenland eine vollendete Tat­sache.

Trotzdem behauptete sich das Griechische als die Sprache der vornehmen Welt noch lange Zeit, sogar in Italien selbst. Zur Zeit des Dionysius Thrax (um 80 v. Chr.) lernten die Kinder der Edelleute in Rom Griechisch, ehe sie Latein lernten. Dionysius war der Verfasser der ersten griechischen Schulgrammatik. Sie wurde in Rom zur Zeit des Pompejus (um 50 v. Chr.) veröffentlicht und Jahrhunderte hindurch in den Schulen benutzt. Dies kleine schlichte Werk existiert heute noch. Die erste Geschichte Roms wurde um 200 v. Chr. in griechischer Sprache geschrieben.

In den beiden ersten christlichen Jahrhunderten war das Griechische noch ganz allgemein in Rom in Gebrauch. Man konnte zwar überall zahlreiche andere Dialekte hören, Griechisch aber diente als Verbindungsglied, durch das sich alle miteinander verständigten. Deshalb brauchte Paulus an die Römer auch nicht lateinisch zu schreiben. Nicht nur, weil er zu feinfühlend war, ihnen in einer Sprache zu schreiben, die sie nicht verstanden; es steht auch sonst fest, dass die römische Gemeinde mit der griechischen Sprache völlig vertraut sein musste. Deshalb lag auch für ungefähr ein Jahrhundert nach der Zeit des Paulus kein Bedürfnis vor, in Italien eine lateinische Übersetzung der Heiligen Schrift zu haben. Es ist von größter Wichtigkeit, sich klarzumachen, dass die erste lateinische Bibelübersetzung ihren Ursprung nicht in Italien, sondern in Nordafrika hat. Von den noch vorhandenen Handschriften dieser alt-lateinischen Bibel gilt die Mehrzahl als typisch »afrikanisch«.

An dieser Stelle muss einiges zur Orientierung über das Verhältnis der römischen Provinz Afrika zu Rom gesagt werden. In alter Zeit war hier eine kanaanitische Kolonie, von Tyrus und Sidon gegründet, Karthago genannt. Zur Zeit ihrer Macht beherrschte diese Stadt auch die großen Inseln des Mittelmeers: Sardinien, Korsika und einen Teil von Sizilien. Krieg mit der aufsteigenden Militärmacht Rom war unvermeidlich. Drei lange Feldzüge endeten mit der völligen Niederwerfung Karthagos um 146 v. Chr., das fortan zur römischen Provinz erniedrigt wurde.

Auch die Sprache dieser Provinz wurde im folgenden lateinisch, aber es war der Dialekt des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts. Dies zu beachten ist wichtig. Dieser Dialekt unterschied sich stark von der in späterer Zeit in Rom gesprochenen Sprache. Der Geschichtsschreiber Polybius (um 150 v. Chr.) behauptet, dass selbst die sachkundigsten Römer dieser Zeit nur schwer den Wortlaut der früheren Verträge zwischen Rom und Karthago verstehen konnten, die doch nur etwa hundert Jahre alt waren. Horaz, der zur Zeit der Geburt Christi starb, bekennt, dass er die altlateinischen salischen Gedichte nicht verstehe, ja er sagt, niemand könne sie mehr verstehen, so sehr habe sich das Lateinische in ein paar Jahrhunderten verändert. Die Zeit der größten Reinheit des Lateinischen war das Jahrhundert vor Christus.

Karthago, in beträchtlicher Entfernung von Rom gelegen, entwickelte indes seinen lateinischen Dialekt unabhängig weiter, frei vom Einfluss des Griechischen. Geradeso, wie das Skandinavische, das man in Schweden und Norwegen spricht, sich sehr von dem alten Skandinavisch unterscheidet, das man vor tausend Jahren in Island redete; oder wie die Sprache der Buren in Südafrika vom Holländischen abweicht; oder wie das Englisch, das vor 300 Jahren nach Amerika kam, dort Begriffe hinzunahm, die in England nicht gebräuchlich sind, dagegen aber andere verlor, die England bewahrt hat – geradeso hat sich auch das nach Karthago verpflanzte Latein in einer Weise weiterentwickelt, dass es sich bald merklich von der Sprache Italiens und Roms unterschied.

Tertullian von Karthago, dem frühesten der lateinischen Kirchenväter (um 160-220 n. Chr.) verdanken wir unsere erste Kenntnis von der Existenz der in seiner Heimat hergestellten altlateinischen Bibelübersetzung. Die noch vorhandenen Handschriften dieses Bibelwerks lassen erkennen, wie die Sprache desselben sehr von dem klassischen Latein abweicht. Sie ist wohl kraftvoller, hat aber manche Unbeholfenheiten und Eigenheiten, die anderen als Irrtümer und grammatikalische Fehler erscheinen würden. Diese Bibel war wohl ursprünglich eine Übertragung aus dem Griechischen durch ungeschulte Übersetzer, wenn nicht der Unterschied zwischen den Dialekten Roms und Karthagos ihre anscheinenden Sprachfehler hinreichend erklärt. Solange die altlateinische Bibel in Nordafrika blieb, erhielt sie sich ziemlich unverändert. Als sie jedoch auf italienischem Boden erschien, entstand eine große Verwirrung. Alte, in Karthago wohlbekannte Wörter mussten den Römern unverständlich sein. Neu in Afrika geprägte Ausdrücke waren ihnen ebenfalls fremd. In beiden Ländern hatten Wörter im Laufe der Zeit besondere und abweichende Schattierungen ihrer eigentlichen Bedeutung angenommen. Die provinzialen Spracheigenheiten und Rauheiten der afrikanischen Bibel wurden nun notdürftig zurechtgeflickt, der Text nach den in Rom gebrauchten griechischen Abschriften zusammengestümpert, und das Resultat war unbeschreibliche Verwirrung. Man behauptete, es gäbe wohl so viele Übersetzungen wie Handschriften, wenngleich das zweifellos übertrieben ist. Dem Kirchenvater Hieronymus fiel um 380 die schwierige Aufgabe zu, Ordnung in dieses Chaos zu bringen. Das Ergebnis war eine lateinische Übersetzung, die als die Vulgata bekannt ist. Bis dahin hatte etwa 600 Jahre lang die griechische Septuaginta das Feld behauptet, und so machte sich der neuen Bibel gegenüber zuerst starker Widerstand geltend. Dennoch sollte die Vulgata fast ein Jahrtausend lang, bis zur Reformation, den größten Teil der Christenheit beherrschen.

Wenn auch Hieronymus offenbar Fehler und schlechtes Latein in der alt-afrikanischen Bibel verbesserte, so war er anderseits doch sehr konservativ. Manchen Ausdruck ließ er stehen, wie er ihn vorfand. Was aber auch immer seine eigenen Ansichten über die Zukunft gewesen sein mögen, zwei lateinische Wörter voll tiefer Bedeutung, die in der alten Lesart erscheinen, hat er jedenfalls offensichtlich nicht geändert. Es sind die beiden Wörter, mit denen die alten lateinisch-karthagischen Übersetzer das griechische Wort aiōn wiedergegeben haben. Die lateinische Sprache benötigte gleich der gotischen, armenischen, englischen u. a. zwei Wörter, um diesen Begriff zu übertragen: seculum, von dem unser »säkular« stammt, und aeternus, heute »ewig«. Der ursprüngliche Sinn des ersten Wortes war augenscheinlich »Welt« vom zeitlichen Standpunkt aus betrachtet, also Dauer einer Weltordnung, im Gegensatz zu mundus, Welt als Örtlichkeit (gr. kosmos). Der Sinn des zweiten Wortes war wohl vor allem »ein Zeitalter oder lebenslänglich dauernd». Wie wir in dem nächsten Artikel dieses Aufsatzes noch sehen werden, wurde das griechische aiōn manchmal durch das eine und manchmal durch das andere der beiden lateinischen Wörter wiedergegeben. Aber nicht nur das, sondern wenn im Griechischen das Wort aiön zwei- oder dreimal in einem Satz vorkommt, wie z. B. in der Wendung »für den Äon und für den Äon des Äons«, dann hat das Lateinische oft beides, aeternum und seculum.

Dies dürfte als Beweis dafür genügen, dass die zwei Wörter eine mehr oder weniger ähnliche Bedeutung haben können; und wir müssen jetzt dartun, dass sie sich ursprünglich sehr wenig in ihrem Sinn unterschieden, dass aber die Theologie, hauptsächlich infolge des vorherrschenden Einflusses eines Mannes, dem Wort aeternum eine Bedeutung beilegte, die seiner Abstammung und ursprünglichen Anwendungsweise fremd ist.

Ewig und säkular

Die Bedeutung von seculum wird heute in lateinischen Wörterbüchern angegeben als: eine Generation, ein Zeitalter, die Welt, die Zeiten, der Geist der Zeiten und eine Periode von hundert Jahren. Was säkular ist, gehört der gegenwärtigen Welt an, besonders insofern sie nicht geistlich. ist. In Frankreich hat das Wort die Bedeutung »Jahrhundert« erhalten, außerdem bezeichnet es Zeitalter, Zeit, Periode und Welt (siècle). Das zukünftige siècle ist das zukünftige Leben. In der französischen Bibel lautet der Ausdruck »für die Äonen der Äonen«, der lateinischen Vulgata folgend, »für die siècles der siècles«. In anderen romanischen Sprachen ist es ebenso. Die Italiener sagen secole, die Spanier siglos, die Iren und Gälen saoghal, die Rumänen seculi, die Basken ebenfalls secula. Das will besagen: Die Bibeln in diesen Sprachen geben statt der bei uns verbreiteten irreführenden Formel »von Ewigkeit zu Ewigkeit« den Grundtext richtig oder doch annähernd richtig wieder.

Seculum wird manchmal mit dem lateinischen Zeitwort sequi (= folgen) in Verbindung gebracht, so dass es Zeit als »folgend« bezeichnen würde.

Vor dem Aufkommen von speziellen Bezeichnungen für den Begriff »Ewigkeit« stellte man sich die Zeit als vorwärts fließend vor, eine Generation auf die andere folgend, bis hinein in die dunkle Zukunft. Andere leiten seculum von der Wurzel ab, von der unser Wort »Sektion« stammt. Dann bedeutet es: abgeschnitten, geteilte Zeit, einen Zeitabschnitt.

Vor alters wurden in Rom nach bestimmten Zeiträumen wiederkehrende Spiele veranstaltet, die man Säkularspiele nannte. Der Geschichtsschreiber Herodian, der um die zweite Jahrhundertwende in griechischer Sprache schrieb, nennt sie »äonische« Spiele. Das zeigt, dass diese Spiele in keinerlei Hinsicht »ewig« waren oder als solche aufgefasst wurden; folglich kann äonisch nicht ewig im Sinne von endlos bedeuten.

Unter den vielen Inschriften in den Katakomben Roms findet sich eine zum Gedächtnis eines im Alter von fünfzehn Jahren verstorbenen Mädchens. Sie lautet: »Aurelia, unserer süßen Tochter, »quae de seculo recessit«, d. h. »die aus dem seculum (der Welt) geschieden ist«. Manche alte römische Schriftsteller gebrauchen das Wort seculum im Sinne der äußersten Lebenszeit eines Menschen, also eines Jahrhunderts. Man darf wohl sagen, dass alle hundert Jahre die dann lebenden Menschen völlig andere sind.

Das berühmte Konzil von Trient (Italien) von 1545 bis 1563 bestimmte: »Die Vulgata, die durch den langen Gebrauch während so vieler Jahrhunderte in der Kirche selbst gutgeheißen ist, ist als authentisch in öffentlichen Vorlesungen, Disputationen, Predigten und Auslegungen anzusehen, und niemand sollte es wagen oder sich herausnehmen, sie unter was auch immer für einem Vorwand zu verwerfen.« Das Wort, das hier für »Jahrhunderte« gebraucht wird, ist secula.

Trajan, von 98 bis 117 n. Chr. römischer Kaiser, schrieb an Plinius über das Verfahren gegen die, die den Christenglauben bekannten. Anonyme Anklagen gegen sie sollten nicht angenommen werden, »da dies das schlimmste Beispiel sei, das man geben könne, und sich für unser seculum (Zeitalter, Jahrhundert) nicht gehöre«.

Tertullian nimmt in einer seiner Schriften bezug auf eine gewaltige Erschütterung, die der ganzen Welt und dem Ende eben des seculum drohe.

Laktantius, geboren um 260 n. Chr., spricht von den »Gelehrten dieses seculum. – Eusebius, der Geschichtsschreiber der frühen Kirche, beschreibt das Verhör gewisser Märtyrer aus Afrika im Jahr 180. Diese Märtyrer zeigten einen ganz unbezähmbaren Geist, wenn der Prokonsul Fragen an sie richtete. Ihr Führer Speratus erwiderte unter anderem: »Das Reich dieses seculum erkenne ich nicht an«. Eusebius berichtet weiter, dass die Märtyrer mit Gott herrschen würden durch die secula der secula.

Beim Schreiben über die Wundertaten unseres Herrn erwähnt Eusebius die Magier, »die es immer, durch die secula hindurch, gegeben hat«. Hier liegt eine Bezugnahme auf vergangene Zeiten vor.

Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass seculum fast völlig wie das griechische aiōn gebraucht wurde. Es kann kein einziger Fall angeführt werden, wo es sich auf endlose Zeit bezieht.

Wir werden nun den Gebrauch des Wortes bei Hieronymus in seiner Vulgata betrachten. Diejenigen, die daran festhalten, dass das griechische aiōn »Ewigkeit« oder »für immer« bedeutet, werden gut tun, des Hieronymus Übersetzung aus dem Griechischen ins Lateinische wohl zu beachten.

Die etwa 130 Stellen, an denen das Wort aiōn im griechischen Neuen Testament vorkommt, übersetzt Hieronymus 101-mal mit seculum, während er 27-mal aeternum sagt. Wenn er unter dem letzten Wort »ewig« verstanden haben sollte, ist er sehr inkonsequent gewesen. Gerade auf die lateinische Übersetzung müssen wir achten, um den Ursprung des verderblichen Systems oder vielmehr den Mangel an System zu ergründen, vermöge dessen man dem griechischen aiōn zwei ganz verschiedene Bedeutungen beilegte.

Sooft uns in der Offenbarung des Johannes der Ausdruck »für die Äonen der Äonen« begegnet, hat Hieronymus »für die secula der secula«. Im übrigen finden sich folgende Ausdrücke in seiner Bibel: »vom seculum«, »für das seculum«, »für die secula«, »vor den secula«, »dieses seculum«, »jenes seculum«, »die Vollendung des seculum«, »die Vollendung der secula«, »die Enden der secula«, »in das seculum des seculum«, »das zukünftige seculum«, »das kommende seculum«, »die bevorstehenden secula«, »das seculum dieser Welt«. Judas 25 übersetzt er: »vor dem ganzen seculum und jetzt und für alle secula der secula«. (Konkordant: vor dem gesamten Äon und nun und für alle die Äonen.)

Epheser 2:2 hat Hieronymus »das seculum dieser Welt« (konkordant: »der Äon dieser Welt«). Luther und Schlachter sagen hier »der Lauf dieser Welt«, Menge übersetzt »der Zeitgeist dieser Welt«.

Wenden wir uns nun zu dem griechischen Wort äonisch (aiōnion), das 70-mal im Neuen Testament vorkommt. Hieronymus übersetzt es nun nicht etwa zu drei Vierteln mit secular und zu einem Viertel mit aeternus, sondern nicht weniger als 65-mal gebraucht er das letztere Wort (aeternus), während er nur 2-mal secular gebraucht (2. Tim. 1:9 und Tit. 1:2): ante tempora secularia (vor äonischen Zeiten).

Da sich von den 70 Vorkommen des Wortes »äonisch« nicht weniger als 43 auf das Leben beziehen, ist es klar, dass Hieronymus hier nicht gut »säkulares Leben« sagen konnte. So gebrauchte er ohne Ausnahme an allen diesen Stellen den Ausdruck aeterna vita – ewiges Leben.

Wir sehen also, dass die Art und Weise, wie Hieronymus das griechische aiōn übersetzt, unser Vertrauen in seine Konsequenz vollständig erschüttern muss, es sei denn, dass wir beweisen können, aeternus habe in jener Zeit noch nicht die Bedeutung von »endlos« gehabt.

Eine Prüfung der Gallikanischen Übersetzung der Psalmen durch Hieronymus aus der Septuaginta (der griechischen Übersetzung des Alten Testaments) offenbart weitere befremdende Inkonsequenzen. Im allgemeinen sagt er hier für das griechische »für den Äon« (eis ton aiōna) »in aeternum», während er zusammengesetzte Vorkommnisse von Äon, wie z. B. »für den Äon des Äons« mit »für das seculum des seculum« übersetzt. Er konnte ja nicht gut sagen: »in die Ewigkeit der Ewigkeit« oder »in die Ewigkeiten«. Den Ausdruck »für die Äonen« (eis tous aiōnas) musste er wiedergeben mit in secula, wie in Psalm 61:4; 72:17. In derselben Weise übersetzt er Psalm 145:13: »ein Königreich aller secula« (aller Zeitalter), was dem Hebräischen sowohl als auch dem Griechischen entspricht.

In Übereinstimmung mit diesen scheinbaren Regeln gibt er den zusammengesetzten griechischen Ausdruck »für den Äon und für den Äon des Äons« wieder mit in aeternum et in seculum seculi (in Ewigkeit und in das Zeitalter des Zeitalters), so z. B. Psalm 9:5; 10:16; 45:17; 48:14; 52:8 und 148:6. Doch denselben Ausdruck übersetzt er in Psalm 72:19 einfach mit in aeternum, während er Psalm 119:44 und 145:1, 2, 21 »in das seculum und in das seculum des seculum« schreibt.

Ausnahmen finden sich Psalm 44:8; 52:9 und 75:9, wo für das griechische »für den Äon« bei ihm in seculum (in das Zeitalter) steht, hingegen sagt er Psalm 73:12: in seculo (in dem Zeitalter). Bei dem zuletzt genannten Vers bringt es selbst Hieronymus nicht fertig zu sagen, dass die Gottlosen glückselig sind »für die Ewigkeit«. Psalm 90:2 sagt er für das griechische »vom Äon bis zum Äon« (Luther: von Ewigkeit zu Ewigkeit) »vom seculum und bis zum seculum«. Doch genau denselben griechischen Ausdruck übersetzt er in Psalm 103:17 ab aeterno et usque in aeternum (von Ewigkeit und bis in Ewigkeit).

Wir wollen nun weitere Verse anführen, in denen die beiden Wörter, die uns hier beschäftigen, den gleichen Sinn zu haben scheinen. Bei Luther lautet 1. Chronika 29:10: »Gelobet seist Du, Herr, Gott Israels, unsers Vaters, ewiglich«. Das Griechische übersetzt an dieser Stelle das Hebräische wörtlich: »vom Äon und bis zum Äon«. Nehemia 9:5 haben das Hebräische und das Griechische denselben Wortlaut wie in 1. Chronika 29:10 (Luther: »Lobet den Herrn, euren Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit«). In diesen beiden Versen hat die Vulgata »von Ewigkeit bis in Ewigkeit«. Doch Jeremia 7:7 und 25:5, wo Luther schreibt: »So will Ich immer und ewiglich bei euch wohnen an diesem Ort, in dem Lande, das Ich euren Vätern gegeben habe«, und wo das Griechische hat: »Vom Äon und bis zum Äon«, heißt es in der Vulgata »vom seculum und in das seculum«.

Wie übersetzt nun aber die Vulgata die Verse, in denen »vom Äon und darüber hinaus« die Rede ist? Dieser Ausdruck war einst für Origines entscheidend, und so sollte es für alle sein, die Gott glauben wollen. Jesaja 45:17 übersetzt Luther: »Israel wird nicht zu Schanden werden noch zu Spott immer und ewiglich«. Das Hebräische hat: »für die Zeitalter der Zukunft«, das Griechische »bis zum Äon weiterhin«, die Vulgata »bis zum seculum des seculum«.

Eine außerordentliche Überraschung erwartet uns, wenn wir zwei Verse betrachten, in denen die Vulgata, um es milde auszudrücken, irreführend ist. Es ist eben schwer, darüber zu entscheiden, was das lateinische in aeternum zur Zeit des Hieronymus bedeutete, wenn auch das Wort früher sicher nicht den Sinn von Endlosigkeit gehabt hat. Eins aber steht fest, unter seculum hat Hieronymus eine begrenzte Zeitperiode verstanden, einen Äon; aber unter aeternum scheint er sich etwas anderes gedacht zu haben. War es die sogenannte »Ewigkeit«? Oder wurde das lateinische Wort damals in seinem früheren, weniger fest umgrenzten Sinn zur Bezeichnung einer unbestimmten, zukünftigen Zeit gebraucht? Gerade die lateinischen Väter, die eine hinreichende Kenntnis des Griechischen besaßen, dürften wohl gewusst haben, dass, wie aiōnion im Griechischen, auch aeternum von lateinischen Schriftstellern in der gleichen lockeren Weise für einen unbestimmten Zeitraum gebraucht wurde. In 2. Mose 15:18 heißt es bei Luther: »Der Herr wird König sein immer und ewig«. Das Hebräische beschränkt diese Herrschaft vorsichtig auf »das Zeitalter und fürderhin«. Hieronymus hingegen setzt uns in Erstaunen, indem er tatsächlich schreibt: »in aeternum et ultra«, d. h. also »in Ewigkeit und darüber hinaus«. Dieselbe lateinische Wendung findet sich auch Micha 4:5. Luther übersetzt hier: »Wir wandeln im Namen des Herrn immer und ewiglich«. Das Hebräische dagegen lautet: »für das Zeitalter und fürderhin«, das Griechische »für den Äon und darüber hinaus«.

Es wird nun nötig, dem Ursprung des Wortes aeternus nachzugehen. Was auch immer das lateinische Wort zur Zeit des Hieronymus bedeutet haben mag, 300 Jahre früher war dies mit Sicherheit nicht »ewig«. Professor Max Müller sagt von der Wurzel dieses Wortes, dass sie ursprünglich »Leben« oder »Zeit« bezeichnet, dass aber eine Anzahl Wörter sich von ihr ableiten, die den Begriff »Ewigkeit« ausdrücken, also das Gegenteil von Leben und Zeit. Er sagt, das lateinische aevum (das fast buchstäblich dem griechischen aiōn entspricht und wohl ursprünglich aivon lautete) wurde der Name für Zeit. Zeitalter, und die davon abgeleiteten Wörter aeviternus oder aeternus »wurden fabriziert, um den Gedanken der Ewigkeit auszudrücken«. Das sind Worte einer in dieser Angelegenheit gänzlich unbefangenen Autorität.

Diese Darlegung gleicht der, welche Phavorinus im 16. Jahrhundert in dem berühmten ETYMOLOGICUM MAGNUS niedergeschrieben hat, einem großen Werk, das die Ableitung aller griechischen Wörter enthält, soweit sie von sehr früher Zeit her auf uns gekommen sind. Das Wort aiōn wird erklärt als »das Menschenleben« (das eine begrenzte Zeit umfasst), und dazu wird zitiert: »die sieben Äonen von der Schöpfung des Himmels und der Erde bis zur allgemeinen Auferstehung der Menschen«. Phavorinus fügt hinzu: »aiōn ist das Unwahrnehmbare (aidios) und das Unendliche (ateleutêtos), wie es den Theologen scheint!« Seiner Meinung nach bedeutete das Wort ursprünglich niemals unendlich, sondern die Theologie habe ihm erst diesen Sinn eingeimpft. Er hat in der Tat die Wahrheit gesprochen; denn es ist die Theologie, und allein diese, die den Gedanken der Endlosigkeit in Zeitwörter der verschiedenen Sprachen hineingetragen hat.

Bevor wir zum Lateinischen zurückkehren, wollen wir noch einen ähnlichen, sehr lehrreichen Fall anführen. Justinian war der größte unter den oströmischen Kaisern. Er herrschte von 527-565 zu Konstantinopel. Im Jahr 540 traf er Vorbereitungen für die Einberufung des berühmten Konzils, das später in seiner Hauptstadt tagte. Es war bei dem Kaiser beschlossene Sache, dass gewisse Lehren unterdrückt werden müssten. In einem Schreiben an den Patriarchen Mennas von Konstantinopel legt er den Stand der Dinge dar und erörtert die kirchlichen Lehren mit großer Geschicklichkeit. Insbesondere verlangt er, es müsse mit unmissverständlicher Klarheit ausgesprochen werden, dass das Leben der Heiligen immerwährend sei und gleichfalls die Verdammnis der Verlorenen. Das war demnach vorher durchaus nicht allgemeine Ansichtssache. Er musste erst die Anerkennung dieses Dogmas verlangen. Trotzdem konnte auch er keinen Beweis dafür erbringen, dass das Wort »äonisch« ewig im Sinne von endlos bedeutet. Auch stellte er nicht die Behauptung auf, dies Wort sei bis dahin missverstanden worden. Indem er den orthodoxen Standpunkt der damaligen Kirche festlegte, sagte er nicht etwa: »Wir glauben an äonische Strafe« – das wäre nämlich genau das gewesen, was Origines dreihundert Jahre früher gelehrt und geglaubt hatte. Tatsächlich hat Origines, der über die Wahrheit von der Aussöhnung des Alls frohlockte, mit voller Deutlichkeit das Wort »äonisch« in bezug auf Feuer und Verdammnis gebraucht als auf einen begrenzten Zeitraum beschränkt und sich vor allem auf den zukünftigen Äon beziehend. Justinian jedoch, der in der so ausdrucksvollen griechischen Sprache schreibt, sagt: »Die Heilige Kirche Christi lehrt ein endloses äonisches (ateleutêtos aiōnios) Leben für die Gerechten und endlose (ateleutêtos) Strafe für die Bösen«. Justinian wusste sehr wohl, dass äonisch nicht endlos bedeutet, und fügt deshalb im ersten Teil ein Wort hinzu, das zwar ganz unzweideutig ist, sich allerdings in der Schrift überhaupt nicht findet. Im zweiten Teil des Satzes hat er sogar das Wort, das der Herr gebraucht hat, durch diesen unbiblischen Ausdruck ersetzt. Dieser noch vorhandene Brief Justinians sollte jeden, der über die schriftgemäße Bedeutung des Wortes »äonisch« noch im Zweifel ist, völlig überzeugen. Es sei hinzugefügt, dass das Konzil, das eigens zu dem Zweck einberufen worden war, um die Lehren des Origines zu brandmarken, dessen Erkenntnisse zwar im allgemeinen verdammte, über seine Lehre von der Allaussöhnung das Anathema jedoch nicht aussprach. Erst im Jahr 696 verdammte ein späteres Konzil in Konstantinopel erstmalig diese Lehre des Origines, diese herrliche Wahrheit, als »trunkene Phantasie über das zukünftige Leben der Toten«.

Wir müssen nun das Wort aevum genauer untersuchen. Seine Bedeutung wird in Wörterbüchern wie folgt angegeben: Lebenszeit, Leben, Zeitalter, zu einer bestimmten Zeit lebende Menschen. Von diesem Wort kommt über die Form aeviternus das Eigenschaftswort aeternus. Aevum ist dasselbe Wort wie das altdeutsche ewe, die Stammform des heutigen »ewig«. In Grimms deutschem Wörterbuch heißt es: »ewe, aevum, seculum – gotisch aios – ist gleich aion«. Und weiter steht dort: »noch lange, bis ins 16. Jahrhundert, wird oberdeutsch gebetet worden sein »von ewen zu ewen« für »in secula seculorum«. Daraus ersehen wir, dass unserem heutigen Wort »ewig« die Bedeutung »endlos« ursprünglich fremd war. Auch im Lateinischen wird aevum niemals mit der Bedeutung endlos gefunden. In den römischen Katakomben ist das Grab der Albana, die im Alter von 45 Jahren starb. Ihr trauernder Gatte Placus setzte auf ihre Ruhestätte die Worte: »Dieser Kummer wird immer (semper) meine ganze Lebenszeit hindurch (in aevo) bleiben.« Weiter lautet die Inschrift: »Liege in Frieden – im Schlaf – du wirst auferstehen«. Daraus geht ganz klar hervor, dass keines der hier gebrauchten Wörter (semper und aevum) »endlos« bedeuten kann.

Ein anderer Gedenkstein trägt die Inschrift: »Domus aeternalis« – ewiges Haus. Das steht auf dem Grab eines Gläubigen, so dass dies nicht sein immerwährender Ruheplatz sein kann. Ein weiterer Stein meldet, dass Aurelius Felix, der im Alter von 55 Jahren starb, dahingerafft wurde »zum Hause für ewig«, lateinisch: raptus aeterne domus. Der Verfasser eines Buches über die Katakomben sieht sich zu der Erklärung genötigt, dass solche Inschriften einen Mangel an Glauben an die Auferstehung beweisen, weil ein Wort, das augenscheinlich »ewig« bedeute, sich in ihnen finde. Er erkannte nicht, dass dieses Wort damals nur einen Zeitraum bezeichnete, obwohl er einen ähnlichen Ausdruck in Prediger 12:5 erwähnt, wo es heißt: »der Mensch geht zu seinem äonischen Haus« (Luther: »fährt hin, da er ewig bleibt«).

Wie kam es denn nun dazu, dass das lateinische aeternum und das griechische aiōnion, die sich anfänglich beide auf Zeitabschnitte bezogen, die Bedeutung von »ewig« im modernen Sinn annehmen konnten? Zweifellos sind diese Wörter eigens geschaffen worden, um das, was immerwährend ist, auszudrücken, wobei jedenfalls die Theologie das Werkzeug war. Der Prozess dieser Bedeutungsumwandlung vollzog sich anscheinend folgendermaßen:

Es gab unter den Sekten immer solche, die über das Schicksal der Sünder strenge Ansichten hatten. Die Pharisäer und Essener sollen an bewusst zu erleidende zukünftige Strafe geglaubt haben. Die Essener glaubten an ununterbrochene (adialeipton) Strafe »ohne Tod«. Für diejenigen, in deren Herzen sich die Liebe Gottes nicht in ihrer ganzen Macht ergossen hat, ist es offenbar ein natürlicher Gedanke, sich mit einer solchen Aussicht zufriedenzugeben. Die Wahrheit von den Äonen ging anscheinend bald nach der Zeit des Apostels Paulus verloren. Was Origines anbetrifft, so glaubte er, dass dieser gegenwärtige Äon der Abschluss vieler Äonen sei. Er folgerte daraus, dass noch viele Äonen kommen würden, nicht nur zwei. Auf der anderen Seite kamen damals die gnostischen Sekten auf. Sie hatten ihre Blütezeit namentlich im zweiten Jahrhundert. Ihnen zufolge war die ursprüngliche Quelle alles Existierenden der Abgrund. Aus diesem gingen nach ihrer Meinung, als das Leben sich entwickelte, die Äonen, männliche und weibliche, hervor, durch welche Gott Sich Selbst offenbarte. Die Äonen bildeten mit Gott Selbst die Fülle oder das plêrōma. Die Materie betrachteten sie als etwas Böses und die Harmonie des plêrōma wurde dadurch gestört, dass Gott mit der Materie in Berührung kam. Um die Harmonie wieder herzustellen, erfolgte eine neue Emanation (Ausfluss, vor allem aus Gott) von zwei Äonen – Christus und der heilige Geist. Am Abschluss der Welt würde Christus Seine Braut zusammen mit allen Geistesmenschen in die Fülle einführen, und alle Materie, worunter augenscheinlich alles Böse zu verstehen war, würde in ihr einstiges Nichts zurückkehren.

Eine andere Sekte lehrte, dass sieben Äonen aus Gott hervorgingen. Selbst in dieser Glaubensfinsternis kann man einen Schimmer der Wahrheit erblicken. Nach der Schrift machte Gott die Äonen durch Seinen Sohn (Heb. 1:2). Gott entwarf den Plan zu den Äonen und gebraucht sie als Sein Baugerüst. Die Äonen scheinen zeitlich zusammenzufallen mit der Gegenwart des Bösen. Wenn es nötig ist, dass ihm die Spitze geboten wird, bricht ein neuer Äon an.

Der Zusammenbruch der Lehre von den Äonen hat heidnischem Irrtum den Weg geebnet, sich wieder selbst zu behaupten und sich im Gewand biblischer Wahrheit breitzumachen. Solange man die griechische Sprache in Italien gut verstand, behielt auch das Wort »äonisch« seine wahre Bedeutung und sein lateinisches Gegenstück aeternum konnte nicht ohne weiteres einen völlig verkehrten Sinn annehmen. Aber im zweiten Jahrhundert machten sich in Nordafrika Einflüsse geltend, die alles ändern sollten. Durch sie erhielten diese Ausdrücke in der Theologie eine Bedeutung, die sie von Hause aus niemals hatten. Ganz ohne Zweifel hat aeternum ursprünglich annähernd dasselbe bezeichnet wie »äonisch«. Später weitete sich die Bedeutung auf etwas dazu Kommendes, etwas mehr Unbestimmtes aus. Noch später hat es dann den Sinn angenommen, den man ihm heute beilegt, indem es nicht nur das bezeichnete, was keine geschaute oder offenbarte Grenze hat, sondern auch etwas, was tatsächlich ohne Grenzen ist. Wir nennen oft Dinge endlos, die nur für die Gegenwart oder für den Augenblick ohne Ende sind oder deren Ende nicht abzusehen ist. Aber ebenso auch alles, was nie ein Ende haben kann oder haben wird.

Folgende Illustration soll dies näher erklären. Zur Stadt Chester in England führt eine alte römische Heerstraße, die etwa eine Meile lang schnurgerade verläuft, wie es sehr oft bei den römischen Straßen der Fall war, dazu ist sie völlig eben und eintönig. Wenn jemand schon viele Meilen an einem Tag marschiert war, musste ihm dieser Teil des Weges fürs Auge ebenso wie fürs Gemüt endlos erscheinen. Es war möglich, ein langes Stück der Straße zu überblicken und auch den Verkehr auf ihr zu beobachten, aber ihr Ende war nicht zu sehen. In gewissem Sinn war diese Straße endlos, doch die ganze Zeit konnte man die Stadt, zu der sie führte, in der Ferne erblicken. Die römischen Straßenbauer waren außerordentlich praktische Leute. Wo es sich irgend ermöglichen ließ, wichen sie nicht einen Fuß breit von der geraden Richtung ab, selbst wenn es Hügel zu überqueren gab. Ihre Straßen führten alle zu einem Ziel hin. In derselben Weise verabscheuten die lateinsprechenden Theologen der ersten Jahrhunderte alles, was unbestimmt war oder missverstanden werden konnte. Spekulationen mieden und verbannten sie. Die Sätze der Glaubensbekenntnisse, die aus der frühen römischen Kirche hervorgingen, sind berühmt für ihre äußerste Kürze. Die Punkte wurden so klar umrissen, dass kein Zweifel darüber bestehen konnte, was das Volk zu glauben hatte. Der Autorität des römischen Gesetzes und der römischen Militärmacht, die wie Maschinen funktionierten, musste Gehorsam geleistet werden. So wurde auch in der römischen Kirche alles selbständige Forschen und Denken unterbunden. Wenn es auch allerhand Vermutungen über das zukünftige Leben gab, die dogmatische Stellung der Kirche musste gebieterisch festgelegt werden. Überdies war es demütigend für die lateinischen Väter, dass sie nicht fähig sein sollten, etwas Bestimmtes über die Zukunft zu sagen. Wenn nun doch niemand die Karte des Ozeans der Zeit zu entwerfen vermochte, warum nicht einfach erklären, dass er ohne Grenzen sei? Würde nicht auch die Kirche weit mehr Macht in Händen haben, wenn sie mit göttlicher Autorität verkündete, über das ewige Schicksal würde hier auf der Erde entschieden? War es nicht auch dem Menschen viel schmeichelhafter zu denken, das Leben, das er durch den Glauben erhalte (und sehr bald, das er sich durch gute Werke verdiene) sei ewig? Und ebenso die Verdammnis, vor der ihn sein Glaube (oder seine Werke) retteten?

Wer konnte an ein besonderes äonisches Leben glauben, wenn alles, was mit den Äonen zusammenhing, verwischt, vergessen, entstellt und unbekannt war? In Anbetracht dessen, dass die Gottesoffenbarung von den Äonen völlig verloren ging, haben wir alle Ursache, dem Dogma, das in einer stets sich weiter vom Wort entfernenden Kirche »orthodox« und »allgemein anerkannt« wurde, mit Misstrauen zu begegnen.

Tertullian

An diesem Punkt angelangt, müssen wir uns jetzt wieder nach Karthago in Nordafrika wenden, vor allem zu Tertullian, und den tiefen und dauernden Einfluss betrachten, der von ihm und seiner Heimat auf das Christentum ausging. Um 160 n. Chr. zu Karthago geboren, wurde Tertullian ein wohlbelesener Gelehrter, ein fesselnder Schriftsteller und Redner, ein scharfer Wortstreiter, ein geschickter Rechtsanwalt. Was Origines etwa um dieselbe Zeit für die östliche, griechisch sprechende Christenheit war, das war er für die lateinische oder westliche. Er war der erste, der anfing, systematisch die Heilige Schrift in der lateinischen Sprache zu erklären, und der erste Theologe, der eine regelrechte lateinische Terminologie (Wortschatz von Fachausdrücken) für die Christenheit schuf. Es ist keine Übertreibung zu behaupten, dass die von diesem lateinischen Rechtsgelehrten gewählten Ausdrücke alles folgende theologische Denken tief beeinflusst haben. Bezeichnungen wie Trinität, Substanz, Person, Prädestination, Priester, Sakrament und viele andere verdanken wir vor allem Tertullian. In der englischen Sprache haben sich noch viel mehr von ihm stammende Ausdrücke erhalten, die man bei uns durch deutsche ersetzt hat (z. B. redemption = Erlösung; justification = Rechtfertigung; sanctification = Heiligung; perdition = Verlorensein; propitiation = Sühne). Was Tertullian darunter verstand, beherrscht noch heute weiteste Kreise, wenn auch möglicherweise einige dieser Ausdrücke auf Hieronymus zurückzuführen sind. Sie sind alle sehr verschieden von den griechischen Wörtern des Grundtextes, wiewohl einige eine leidlich korrekte Übersetzung der letzteren darstellen.

Tertullian war der erste, der die schwierige Lehre von der »Trinität« auslegte und dies Wort gebrauchte, das er trotzdem nicht als auf Gott bezüglich verwandte. Bekannte Theologen haben sich mit seinen Ausführungen auseinandergesetzt. So sagt z. B. Dr. Glover: »Er war der erste geniale Mann der lateinischen Rasse, der Jesus Christus nachfolgte und seine Ideen in seine eigene Sprache goss.« Erzbischof Beson meint: »Als Tertullian zu schreiben begann, wurde das theologische Latein geformt.« Prof. Harnack schreibt: »Was die Geschichte des Dogmas beeinflusste, war nicht sein Christentum, sondern seine meisterhafte Fähigkeit im Entwerfen von Formeln. Bis auf seine Zeit ist das römische Christentum in der Form wesentlich griechisch gewesen, aber als er sich damit befasste, wurden lateinische Ausdrücke und Gedanken eingeführt, die stufenweise aber stetig den ganzen Charakter der christlichen Lehre veränderten und den Weg für das römische Dogmensystem bahnten.« Dr. Swete sagt: »Die Kirche in Nordafrika war die erste christliche Gemeinschaft, soweit uns bekannt ist, die die Eucharistie zugunsten der Abgeschiedenen darbrachte.«

Einer der von Tertullian eingeführten Ausdrücke war satisfactio, Genugtuung. Harnack äußerte sich dazu: »Er war der erste, der deutlich solche asketischen Leistungen wie die Übernahme einer Genugtuung an Gott als Sühnopfer betrachtete, durch die der Sünder Gott Ersatz leisten konnte.« Nach Tertullians Lehre konnte eine verhältnismäßig kurze asketische Strafe, die der Gläubige sich selber auferlegte, an die Stelle dessen treten, was die Verdammten verdienten – ewige Strafe.

Es wird lehrreich sein, einen flüchtigen Blick auf seine sonstigen Anschauungen zu werfen. Gleich so vielen in unseren Tagen konnte er nie dazu kommen, die wichtige und doch so einfache Tatsache zu erfassen, dass Gott Geist ist. Dass Gott versöhnt ist, war ihm und denen, die in seine Fußtapfen traten, gänzlich unbekannt. Gut einexerziert im römischen Gesetz, sah er in Gott vielmehr den Richter, der das Gesetz gegeben hat und dem gehorcht werden muss. Er hat in Gott jedoch nicht den Vater geschaut. Alle Beziehungen zwischen Gott und den Menschen tragen für ihn mehr oder weniger gesetzlichen Charakter. Diesem Gedankengang folgend, bewirkt eine gute Tat, die der Mensch vollbringt, Genugtuung für Gott und Verdienst für den Menschen. Seiner Auffassung nach ist der wesentlichste Zug einer richtigen Stellung des Menschen zu Gott die Furcht. Der große Unterschied zwischen der griechischen und der lateinischen Kirche besteht darin, dass die griechische Kirche in der Schriftoffenbarung Gott in Seiner Beziehung zum Menschen schaut, während die lateinische Kirche mit dem Menschen beginnt und zuerst den Menschen in Beziehung zu Gott sieht. Dort steht im Vordergrund Gottes unermessliche Liebe und Gnade, deren der Mensch sich im Glauben erfreuen darf. Hier wird der Mensch gesehen, und zwar als der gefallene und schuldige Rebell, der vor seinen Richter geladen ist. Die eine Kirche beginnt mit Gott und Seiner Liebe, der alle Dinge wirkt in Übereinstimmung mit dem Ratschluss Seines Willens, und zwar von alters her bis zum schließlichen gesegneten Abschluss, der immer den Menschen zu Sich Selbst zieht und ihn unterweist mit dem Ausblick auf sein Wachstum in der Gnade. Die andere Kirche sieht den Menschen gleichsam als Prüfling und Gott als die entscheidende Behörde. Anstatt die Menschen stufenweise mit den Wegen und dem Willen Gottes bekannt zu machen, müssen sie, ohne eine Frage aufwerfen zu dürfen oder eine Erörterung führen zu können, die Glaubensbekenntnisse, die in starre und kristallharte Form gegossenen Lehrmeinungen der lateinischen Kirche unterschreiben. Der Mittelpunkt des Systems des Origines war Gott und die Erwartung, derjenige des Systems Augustins war Sünde und Strafe. Während Origines sich nach schließlicher Einheit sehnt, stimmt Augustin fast frohlockend einem furchtbaren und unauflöslichen Dualismus (Zwiespalt) zu.

Es war den drei großen Karthagern Tertullian, Cyprian und Augustin vorbehalten, die lateinische Kirche so zu beeinflussen, dass sie in ein System dogmatischer Hierarchie und geistlicher Gewaltherrschaft einbog. Aber Tertullian war der Mann, der hierzu den Anstoß gab. Durch seine machtvolle Mitwirkung machte das Christentum zu diesem kritischen Zeitpunkt eine schlimme Wendung, und sein Einfluss ist noch immer überwiegend. Neander sagt von ihm, sein Geist sei oft um geeignete Ausdrücke der Phraseologie (die einer Sprache eigentümlichen Redewendungen) verlegen gewesen, insofern als er manchmal mehr in sich hatte, als er auszudrücken vermochte, und deshalb war er gezwungen, für die neue geistliche Materie eine Sprache zu schaffen, und zwar aus dem rauhen nordafrikanischen Latein. Es wird behauptet, Tertullian habe oft Wörter gebraucht, die sich in der üblichen Sprache nicht fanden, höchstens bei ganz frühen Schriftstellern, und dass er wiederholt Wörtern eine neue oder ungewöhnliche Bedeutung aufgezwungen habe.

Solcher Art war der Mann, in dessen Hand nun der Ton lag, der umzuformen war in festes lateinisches Dogma. Das ist der Mann, der über das Schicksal des Wortes aeternus entschied. Welche Bedeutung legte er ihm bei? Die, die es früher gehabt und die dem griechischen Wort aiōnion entsprach, oder eine, die darüber hinausgeht? Gänzlich bar jeden Verständnisses für die Äonen der Schrift, unbeeinflusst von einem wirklichen Erfassen der Tatsache, dass Gott Liebe ist, unfähig, in Gott etwas anderes als den strengen Richter zu sehen, dem so oder so Genugtuung geschafft, der auf die eine oder andere Art befriedigt werden muss – wie konnte er in der großen Masse der Menschen etwas andres sehen als Sünder, die zu verdammen sind? Augustin, der später Tertullian und seine Lehren noch übertraf, behauptet, das ganze Menschengeschlecht sei »eine verdammte Gesellschaft und verlorene Masse« (conspersis damnata, massa perditionis), aus der einige wenige zur Rettung auserwählt, die übrigen aber für immer verdammt seien. Er betrachtete das Böse als einen unveränderlichen Bestandteil des Weltenalls, mit dem Gott nichts zu tun habe, während Origines glaubte, dass alles von Gott sei, auch das Böse, das Er einst vernichten und abtun wird.

Einem Mann, der keinen Raum hatte für kommende Äonen, musste notwendigerweise die Zukunft als uferlose Ewigkeit erscheinen. Da er nicht verstand, was Gott über die Äonen offenbart hat, gab es für Tertullian keine andere Möglichkeit, als dem lateinischen aeternus den Sinn zu geben, den es jetzt hat. Und nicht nur das. Bei der stetigen Abnahme des Griechischen als Sprache der Kirche und dem Aufkommen und Zunehmen des Lateinischen an seiner Stelle, ist man später so weit gegangen, die neue Bedeutung von aeternus auch seinem griechischen Gegenstück aiōnion aufzubürden, das hinfort der Theologie wie geschaffen dazu schien, den Begriff »immerwährend« auszudrücken.

Aiōn in alten Übersetzungen

Wir müssen jetzt noch einige alte Bibelübersetzungen in anderen Sprachen heranziehen, um zu sehen, wie damals der Grundtext verstanden wurde.

Die altsyrische Übersetzung entstand vermutlich um das Ende des ersten oder anfangs des zweiten Jahrhunderts aus dem Griechischen. Die Sprache ist dem Hebräischen nahe verwandt und dem Aramäischen sehr ähnlich, das damals in Palästina neben dem Griechischen gesprochen wurde. Für das griechische aiōn und aiōnion gebraucht sie olm, genau dasselbe Wort also, das im Hebräischen erscheint und »dunkel« bzw. »Dunkelheit« bedeutet. Dieselben Konstruktionen, wie sie uns im Griechischen begegnen, sind hier zu sehen, wie z. B.: vom Äon (mn olm), für den Äon (l-olm), dieser Äon, jener Äon, für die künftigen Äonen, für den Äon der Äonen (l-olm olmin), der Abschluss der Äonen usw.

Zum Beweis, dass olm nicht im Sinne von Ewigkeit gebraucht wurde und gar nicht in diesem Sinn gebraucht werden konnte, sei festgestellt, dass das griechische Wort kosmos (Welt) in der altsyrischen Bibel meist mit olm wiedergegeben wird, wie Johannes 1:10 (dreimal). In Johannes 17:24 heißt es: »Vor dem Niederwurf des Äons«. Diese Übersetzung weiß demnach nichts von einer Ewigkeit und nichts in ihr wird ewig genannt. Die alte gotische Übersetzung ist von besonderem Interesse für die englisch und deutsch sprechenden Völker. In ihr haben wir die einzigen Überreste einer germanischen Sprache, die um 350 n. Chr. gesprochen wurde und dem alten Deutsch und Englisch jener Zeit nahe verwandt ist. Diese Übersetzung wurde direkt aus dem Griechischen gemacht. Leider sind nur wenige Bruchstücke von ihr erhalten, meist aus dem Neuen Testament. Sie ist eine sehr treue und buchstäbliche Wiedergabe; manchmal gibt sie sogar die Aussprache griechischer Wörter an, wo diese einfach übernommen sind. Es ist unnötig zu sagen, dass sie, gänzlich frei von dem Einfluss der lateinischen Übersetzung des Hieronymus, keine lateinischen Ausdrücke wie »verdammen« (damnare), »verloren« (perditum), »ewig« (aeternum) usw. enthält. Sie gebraucht ganz einfach und schlicht ausschließlich damals gebräuchliche deutsche Wörter. Die gotische Übersetzung der Heiligen Schrift ist die erste in eine teutonische Sprache. Die Goten waren ein sehr mannhaftes Volk aus dem Norden Europas, die um die Zeit, als Ulfilas dieses Bibelwerk herstellte, den größten Teil des Abendlandes beherrschten. Sich nach Süden ausbreitend, überrannten sie Griechenland und Italien und eroberten Rom im Jahr 410 n. Chr. In den Mittelmeerländern vermischten sie sich später mit der übrigen Bevölkerung und schieden für die Geschichtsbetrachtung aus.

Sehr oft hat die gotische Übersetzung dort das ursprüngliche und richtige Wort bewahrt, wo neuzeitliche englische und deutsche Bibeln irreführend sind. Ein Beispiel hierfür ist Markus 16:9, wo im Grundtext wörtlich steht: »Da Er aber morgens am ersten Sabbat auferstand«. Der alte Luthertext lautet: »Früh am ersten Tage der Sabbate«; in der revidierten Ausgabe steht: »Früh am ersten Tag der Woche«. Menge sagt: »Am ersten Tag der Woche frühmorgens«. Ulfilas übersetzte: in maurgin frumin sabbato, »am Morgen am ersten Sabbat« und stützt damit also die ursprüngliche Lutherübersetzung ebenso wie die Konkordante Übersetzung.

Wie gibt nun Ulfilas das griechische Äon und äonisch wieder? Für das letztere hat er in jedem einzelnen von 24 Vorkommen aiweinos, das dem griechischen aiōnios sehr ähnlich ist. Griechisch und Deutsch entspringen ja beide dem Indo-Germanischen und haben manche Berührungspunkte. Für das Hauptwort aiōn hat Ulfilas in 20 von 25 Fällen aiws (oder aivs), einmal hat er Leben (libains) und im übrigen noch zwei andere Wörter. Aiws entspricht genau dem lateinischen aevum und dem griechischen aiōn. Es begegnen uns in seiner Übersetzung folgende Ausdrücke: du aiws (für den Äon), in aiwins (in den Äon), und aiw (bis zum Äon), fram aiwa (vom Äon), this aiwis (dieser Äon), yainis aiwis (jener Äon) usw. In 2. Timotheus 1:9 steht in der gotischen Übersetzung: faur mela aiweina (vor äonischen Zeiten); 2. Korinther 4:4: guth this aiwis (Gott dieses Äons).

Der nahe Zusammenhang des gotischen aiws nicht nur mit aevum und aiōn, sondern auch mit dem altdeutschen ewa (Lebenszeit) und dem neueren »ewig«, wird von jedem Sprachforscher bestätigt. »Ewig« stammt also von einer Form ab, die ursprünglich nie etwas anderes bedeutete als einen Zeitabschnitt. Es wäre ein gutes deutsches Wort zur Übersetzung von äonisch, wenn es nicht unter dem Einfluss der lateinischen Kirchensprache den Sinn der Endlosigkeit angenommen hätte, den man ihm heute schwer wieder nehmen kann, den es aber anfangs nicht gehabt hat, wie aus alten deutschen Urkunden hervorgeht. Vor uns liegt z. B. eine Abhandlung aus der Geschichte des Hadler Deichrechts, in dem folgende Notiz aus dem Jahr 1580 angeführt wird:

»Von Dieken, wegen und Gerichtsbröken en kort undt Ewiger Bericht, der dreen Karchspeel Altenbrok, Lüdingeworth und Nord Leda …«

In heutigem Deutsch heißt das etwa: »Von Deichen, Wegen und Gerichtsbräuchen ein kurzer und ewiger Bericht der drei Kirchspiele …« Offensichtlich hat hier »ewig« bedeutet: Ein in regelmäßigen Zeitabschnitten einzureichender Bericht.

Leider sind wir nicht in der Lage anzugeben, wie die gotische Bibel in den meisten Paulusbriefen und in der Offenbarung lautet, da außer den vier Evangelien nur wenig auf uns gekommen ist.

Die koptische Übersetzung, die wahrscheinlich gegen Ende des zweiten Jahrhunderts in Ägypten entstand und dort noch gebraucht wird, hat für das hebräische olm und das griechische aiōn das Wort ene, das nach koptischen Wörterbüchern nichts weiter als »Zeit« bedeutet.

Die armenische Übersetzung wird einem gewissen Mesrop (354-441) und anderen zugeschrieben. Conybeare sagt: »Sie passt sich dem Griechischen der Septuaginta an wie ein Handschuh der Hand, die ihn trägt; sie hält sich so genau an das Griechische, dass sie fast denselben Wert für uns hat wie der Grundtext selbst, den der Übersetzer vorzuliegen hatte.«

Für das griechische aiōn wird in der Regel yavidyan gebraucht. Einige Male steht statt dessen ashkharh (Welt). In Epheser 2:2 (Luther: »nach der Art dieser Welt«; Konkordante Wiedergabe: »der Äon dieser Welt«) werden beide Wörter zusammen angeführt, yavidyeni ashkarhis, also genau der Konkordanten Wiedergabe entsprechend. Die Wurzel des Wortes yavidyan ist yaved, dessen Bedeutung in armenischen Wörterbüchern angegeben wird als »mehr, meist, größtenteils«. Es gibt das Zeitwort yaveloum, »hinzufügen, wachsen, zunehmen, sich vermehren«. Yavidyan wird erklärt als »Alter, Leben, Welt«. Aber wenn es im theologischen Sinn gebraucht wird, muss ihm durchaus die Bedeutung von Ewigkeit, von beständiger Dauer aufgezwungen werden.

Die alt-äthiopische Übersetzung in der semitischen Sprache, die man ehemals in Abessinien sprach, ist, wie angenommen wird, im 4. und 5. Jahrhundert aus dem Griechischen übersetzt worden. Für Äon gebraucht sie olm, genau wie das Hebräische und Syrische. Judas 25 hat sie die Mehrzahlform u-l-kul olmth (und für alle Äonen). Hebräer 9:26 lautet: l-chlgth olm (beim Abschluss des Äons). In den Psalmen hat sie verschiedentlich l-olm u-l-olm olm (für den Äon und für den Äon des Äons). Dass das Wort olm keinesfalls Ewigkeit bedeutet hat, geht auch daraus hervor, dass damit gelegentlich auch das griechische kosmos (Welt) übersetzt wurde, ebenso das griechische kairos (eine Frist, gelegene, passende oder Jahreszeit), ja sogar genea (Generation) in Lukas 16:8.

Wiclif, der um 1380 die erste englische Bibelübersetzung von Bedeutung machte, hat für »in die Äonen der Äonen« in to worldis of worldis (Welten der Welten). Judas 25 schreibt er: bifor alle worldis and now (nun) and in to alle worldis o f worldis. Erst die Männer, die 150 Jahre nach ihm wirkten, machten daraus das gänzlich irreführende »nun und für immer« (oder ewig). »Welt« bedeutete in frühester Zeit in der englischen Sprache lediglich die Welt-Ordnung, den Charakter einer Zeitperiode, außerdem die Lebenszeit eines Menschen, die zur selben Zeit lebende Generation, aber keine Örtlichkeit. Die bekannte Authorized Version aus dem Jahre 1611, die heute noch den größten Einfluss auf die englisch-sprechende Christenheit hat, hätte sich niemals durchgesetzt, wenn sie unmittelbar auf Wiclifs Werk gefolgt wäre. Man sollte meinen, das im 15. Jahrhundert neu aufkommende Studium des griechischen Grundtextes hätte auf diesem Gebiet einen Fortschritt bringen müssen. Aber im Gegenteil, wie wir schon erwähnten, hatte das lateinische Ewigkeitsdogma so feste Wurzeln in dem theologischen Denken geschlagen, dass man den Ewigkeitsbegriff auch auf die griechischen Wörter übertrug, denen er ursprünglich völlig fremd war. Um 1600 war Wiclif längst veraltet und durch Männer wie Tyndale, Coverdale, Cranmer und andere verdrängt, die den Weg für die heute übliche fehlerhafte Übersetzung bahnten. Und das Zeugnis der Bibeln aus ältester Zeit, die wir soeben angeführt haben, war den Männern der Reformationsepoche unbekannt.

Unter den alten deutschen Bibeln aus der vorreformatorischen Zeit, die uns, wenn auch vielfach nur in Bruchstücken, erhalten sind, ist leider auch nicht eine einzige, die eine Übertragung aus dem griechischen Grundtext darstellt. Wilhelm Walther sagt in seinem Werk »Die deutsche Bibelübersetzung des Mittelalters«: »Als Vorlage hat allen Übersetzungen des Mittelalters die Vulgata gedient … Erst am Ausgang des Mittelalters wies man wieder auf die Grundtexte der Bibel hin; erst Luther suchte diese ins Deutsche zu übertragen.« – So ist von vornherein ein Fortschritt in der Wiedergabe von aiōn gegenüber der Vulgata nicht zu erwarten. Ja, wie wir sahen, blieben die Reformatoren, was dieses Wort anbelangt, sogar noch weit hinter Hieronymus zurück. Letzterer hat immerhin der Zeit der reinen Apostellehre elfhundert Jahre näher gelebt als diese Männer und Zeugnisse zur Hand gehabt, die ihnen unerreichbar waren. Sein seculum ist jedenfalls viel besser als Luthers »Ewigkeit«. Walther bringt Proben aus etwa siebzig altdeutschen Übersetzungen, teils Druckwerken, teils Handschriften, in denen das Wort aiōn in der Regel mit »Welt« oder der damaligen Bezeichnung für einen langen Zeitabschnitt wiedergegeben ist. So heißt es z. B. in Offen­barung 1:6 für »in die Äonen der Äonen« dort »von eben zu ewen«, »in werrlt zu werrlt«, »in welt zewelte« und »in ewekeit vn veber ewekeit«.

Zitate aus Schriften der Kirchenväter

Es gibt heute viele, die, obgleich das klare Zeugnis der Schrift vor ihnen liegt, bewusst die Ausdrücke verwerfen, die Gott Selbst zum Gebrauch geeignet gefunden hat (1. Kor. 2:13), und dafür auf Begriffe zurückgreifen, die in der Schrift bestimmt nicht anzutreffen sind. Sie meinen, dass die Lehre von den Äonen eine neuzeitliche Erfindung sei. Einer von ihnen, ein gebildeter Mann, der ein Buch über die griechische Sprache geschrieben hat, erhob im Blick auf den Ausdruck »äonisch« in der (englischen) Konkordanten Bibel die Anklage, »das Wort sehe danach aus, als sei es extra für seinen (seiner Ansicht nach irreführenden) Zweck geprägt worden.« Wir mussten ihn darauf aufmerksam machen, dass es Gott Selbst gefallen hat, dieses Wort in der Schrift zu gebrauchen, während man die von ihm bevorzugten Ausdrücke »ewig« und »immerwährend« dort vergeblich suchen wird.

Ein feines altes Buch, das im Jahr 1761 unter dem Titel »Universal Restitution« (Allumfassende Wiederherstellung) erschienen ist, enthält über 400 Seiten, die Beweise dafür anführen, dass gerade »äonisch« der richtige und schriftgemäße Ausdruck ist, den man gebrauchen müsse. Wir können uns nicht versagen, einige Sätze aus diesem Buch anzuführen:

»Christus ist der wahre Gott der Äonen und darf der äonische Gott und König genannt werden, nicht auf Grund Seiner ewigen Natur, sondern weil Er für die Dauer der Äonen als alles beherrschender König regieren wird, und weil Er, ganz genau ausgedrückt, der Gott des äonischen Lebens ist … und auch weil die Zeitalter oder Äonen alle unter Seiner Regierung und Leitung stehen. […] In dieser Schau der Dinge erscheinen Tod und Hölle, Pein und Kummer nicht, wie man sie gewöhnlich ansieht, als etwas, das sozusagen nachträglich, bei einer günstigen Gelegenheit oder infolge einer gewissen Unachtsamkeit Gottes sich ins Dasein schleichen konnten, sondern als die vorher ersehenen Geschöpfe Seiner Güte und Weisheit, vorher verordnet um ihrer natürlichen Eignung willen, das herbeizuführen, was Er in Seiner Huld und Gnade beschlossen hat, als Geschöpfe von einer nur zeitlichen und äonischen Lebensdauer, die, wenn sie Seinen Liebesabsichten genug gedient haben werden, verschwinden müssen, um nicht mehr zu sein.«

Es ist leider bei den Gegnern der Allaussöhnung üblich, zu behaupten, die Lehre von der endlosen Qual sei von jeher Gemeingut der rechtgläubigen Kirche in ihrer Gesamtheit gewesen, von der nur einzelne auch sonst in allerhand Irrtümer verstrickte Sektierer wie Origines abgewichen seien. Diese Behauptung kann vor dem Zeugnis der Geschichte nicht bestehen. Die Schriften der tatsächlich ältesten griechischen Kirchenväter widerlegen sie. Pridgeon, der eine genaue Untersuchung über diesen Gegenstand angestellt hat, schreibt:

»Es war erst zur Zeit des Augustin, dass römisch-lateinische Gedanken vorherrschend wurden. Es gehörte der Einfluss und Geist eines Reiches voller Militarismus und kalter Gesetzlichkeit dazu, der Lehre von der endlosen Qual eine hervortretende Stellung zu geben. In jenen ersten Jahrhunderten waren die Vertreter dieser Lehre in der Minderzahl. Niemand galt als unorthodox, der an den endgültigen und alles umfassenden Sieg Christi glaubte. In der Tat waren die Führer bei den frühesten Kirchenkonzilien wohlbekannt dafür, dass sie an den heilsamen Charakter der zukünftigen Gerichte glaubten. Dies gilt vor allem dem zweiten großen Konzil, bei dem Gregor von Nyssa den Hauptausschlag gab. Er war ein ausgesprochener Anhänger der Allaussöhnung. Es ist immerhin auffallend, dass wir bis zum Jahr 553 warten müssen, bevor ein offizieller Versuch unternommen wurde, diese Lehre zu verdammen. Und damals konnten viele, die in christlichen Lehrfragen einflussreich wurden, den griechischen Grundtext nicht mehr lesen.«

Wir wollen uns hier auf einige kurze Zitate aus den Werken der griechischen Väter beschränken, die erweisen, wie wenig wahrheitsgetreu und wissenschaftlich es ist, Origines als einen Erfinder einer neuen Irrlehre hinzustellen.

Irenäus, ein Freund des Polykarp, der noch mit dem Apostel Johannes verkehrt hat, schreibt in seinem Aufsatz »Gegen Ketzer«:

»Deshalb trieb Er Adam aus dem Paradies und entfernte ihn von dem Baum des Lebens, nicht weil Er ihm denselben missgönnte, wie etliche zu behaupten sich erdreisten, sondern weil Er ihn bemitleidete und nicht wollte, dass er für immer ein Sünder bleibe. Die Sünde, die ihn umgab, sollte nicht unsterblich werden und das Böse nicht unendlich und unheilbar.«

Clemens von Alexandrien, 150-220, Presbyter, Haupt der Katechetischen Schule, war ein geachteter und einflussreicher Schriftsteller. Hier nur eine Probe:

»Der Herr ist das Sühnopfer nicht nur für unsere Sünden, sondern für die der ganzen Welt. Deshalb rettet Er in der Tat alle insgesamt, aber einige werden durch Gericht bekehrt, andere durch freiwillige Unterordnung, und also erhält Er die Ehre und Würde, dass sich Ihm alle Knie beugen werden, derer im Himmel und auf Erden und unter der Erde. – Er richtet zu ihrem Besten, die gerichtet werden, sei es viele auf einmal, oder einzelne.«

Eusebius von Cäsarea, Bischof und Freund des Kaisers Konstantin, schreibt zum 2. Psalm:

»Wenn der Sohn Seine Feinde zerschmettert, so ist es, um sie neu zu formen, wie ein Töpfer sein eigenes Werk.«

In Bezug auf die Unterordnung Christi sagt er:

»Christus wird Sich deshalb alles unterwerfen, und es ist Sein Recht, diese rettende Unterwerfung als derselben gleich zu betrachten, mit der der Sohn Selbst Sich dem unterwirft, der Ihm alles unterworfen hat.«

Gregor von Nazianz, 330-390, Bischof von Konstantinopel, Freund des Basilius, der in Alexandrien und Athen studierte, schreibt:

»Adam erhielt den Tod als einen Gewinn, und damit das Abschneiden der Sünde, damit das Böse nicht unsterblich sei. Und so erwies sich das Gericht als eine Freundlichkeit; denn es ist also, dass Gott richtet. Dies ist meine Meinung.«

Athanasius der Große, genannt der »Vater der Rechtgläubigkeit«, 296-373, Bischof von Alexandrien, schreibt:

»Während der Teufel meinte, Einen umzubringen, ging er aller verlustig … aus dem Hades getrieben und an der Pforte sitzend, sieht er alle Gefesselten herausgeführt durch den Mut des Erretters.«

Seine Ansichten über das Böse verraten deutlich, wie er an die endliche Verbannung desselben aus Gottes Weltall geglaubt hat:

»Nun haben gewisse Griechen, vom rechten Wege abirrend und nie mit Christus bekannt geworden, dem Bösen eine wesenhafte und unabhängige Existenz zugeschrieben. Hierin begehen sie einen doppelten Fehler: Entweder leugnen sie den Schöpfer als den Erschaffer aller Dinge, wenn das Böse ein eigenes und unabhängiges Dasein hatte, oder, wenn Er auch der Schöpfer des Bösen sei … wie sollen dann die beiden Prinzipien nebeneinander bestehen bleiben … da das eine die Vernichtung des anderen ist.«

Der schon erwähnte Gregor von Nyssa äußert sich zum Problem des Bösen:

»Es ist notwendig, dass das Böse eines Tages völlig und gänzlich aus dem Kreislauf des Daseins ausscheide … denn es kann nicht bestehen ohne den Willen dazu, und wenn jeder Wille in Gott eingegangen ist, muss dann nicht das Böse völlig verlöschen, einfach weil kein Gefäß mehr für dasselbe vorhanden ist?«

In Gregors »Katechetischen Reden« erwähnt er unseren Herrn als den, »der sowohl den Menschen vom Bösen erlöst als auch den Erfinder des Bösen selber heilt«.

Auch der große deutsche Kirchenhistoriker Neander schreibt über Gregor von Nyssa’s wertvolle Werke über die Wiederbringung aller und wie er dafür eingetreten sei, dass Gott niemals das Dasein des Bösen zugelassen haben würde, ohne vorauszusehen, wie die Erlösung alle vernunftbegabten Wesen zu ihrer Bestimmung, der gesegneten Gemeinschaft mit Ihm, zurückbringen werde.

Dies ist nur ein Auszug aus reichhaltigem weiterem Material und bestätigt, was zu beweisen der Zweck dieser Abhandlung ist: Nicht im Grundtext, nicht in der Urgemeinde, nicht im griechisch redenden Osten, nicht in den ältesten Bibelversionen finden wir Ursprung und Bestätigung der Lehre von der ewigen Qual. Wir finden sie vielmehr im lateinischen Westen, in der Kirche Roms, bei den karthagischen Vätern, die für die Entwicklung dieser Kirche entscheidend waren, und, von ihnen beeinflusst, bei den Reformatoren und Übersetzern des Mittelalters, die das älteste Zeugnis nicht kannten und deshalb unbewusst späteren Irrtum bestätigten. Die trotz allem guten Willen gewisse Wörter so verstanden, wie sie zu ihrer Zeit verstanden wurden. Die aber selber die ersten gewesen wären, zu berichtigen, was weitere Forschung als irrtümlich erwies. Und die heute jedem danken würden, der sich bemüht, die Wahrheit reiner aus allem menschlichen Beiwerk herauszuschälen.

Ein erfreuliches Zeichen dafür, dass die biblische Bedeutung von aiōn und aiōnion sich auch in der Theologie unserer Tage durchzusetzen beginnt, tritt uns in dem kleinen Neutestamentlichen Wörterbuch von Ralf Luther (Furche-Verlag, Berlin) entgegen. Es heißt da unter »Ewig, Ewigkeit« folgendermaßen:

»Äon bedeutet nicht endlose Dauer, sondern Zeitalter, Zeitlauf. Es wird, wenn von einem Zeitlauf die Rede ist, auch immer an die besondere Art und Prägung, an die eigentümlichen Umstände, an die Bestimmung dieses Zeitlaufs gedacht. Das Neue Testament unterscheidet, wie schon die alte prophetische Überlieferung, zwischen diesem Äon (Zeitlauf der Weltzustände) und dem kommenden Äon. Dieser Äon hat sein Gepräge durch die in ihm herrschenden finsteren Mächte, durch die dämonischen Züge seines Gesichts, durch die fortschreitende Entgöttlichung seiner Zustände. Der kommende Äon bringt die Zustände der ersten, gottnahen Schöpfung wieder; in ihm ist die Herrschaft der Finsternismächte beseitigt, die Gottesherrschaft bestimmt und gestaltet alle Dinge. Dieser neue Äon wird heraufgeführt vom gottgesandten Welterneuerer. Auf diesen kommenden Zeitlauf sind im Neuen Testament alle Augen gerichtet. – Weil man gemeinhin unter dem Äon den nächsten, göttlichen, von Christus heraufgeführten Äon versteht, bedeutet aiōnios (ewig) das, was aus diesem neuen Zeitlauf stammt, was zu ihm gehört, was durch seine Art und Richtung bestimmt ist. ›Ewiges Leben‹ bedeutet im Neuen Testament durchweg: das Leben des kommenden Zeitlaufs. ›Ewige Herrlichkeit‹ bedeutet den Glanz, die Hoheit, die dem kommenden Äon eignet (2.Tim. 2:10). Das ›ewige Reich‹ ist das Reich des neuen Weltlaufs (2. Pet. 1:11). ›Ewige Seligkeit‹ bedeutet das Heil des kommenden Zeitalters (Heb. 5:9). ›Ewiges Gericht‹ bedeutet das Gericht, das über die Menschen ergeht beim Eintritt des kommenden Zeitlaufs (Mark. 3:29). ›Ewiges Feuer‹ und ›ewige Pein‹ (Mat. 3:12; 25:41-46) bedeutet die Pein, die im kommenden Zeitlauf diejenigen leiden werden, denen sie im Weltgericht zugesprochen ist.«

Fassen wir die Endergebnisse, zu denen wir gekommen sind, kurz zusammen. Die Tatsachen der Offenbarung betreffs der Äonen sind früh verdunkelt worden und verlorengegangen. Während es mit der griechischen Kirche abwärts ging, trat die lateinische mit ihrer eigenen Übersetzung der Schrift in den Vordergrund. Die letztere war nur eine Übertragung und deshalb nicht inspiriert. Lateinische Väter veränderten die Bedeutung gewisser sehr wichtiger, auf Zeitabschnitte sich beziehender Wörter, die sich im Griechischen finden, und gaben ihnen einen anders gefärbten Sinn. Dies genügte, um einen völlig verkehrten Ausblick auf die ganze Zukunft herbeizuführen und Gott gleichzeitig als liebenden Vater und als grausamen und launenhaften Unhold erscheinen zu lassen – als einen Gott, der in Wirklichkeit keiner mehr ist. Anstatt diesen bedauerlichen Irrtum der lateinischen Kirche zu berichtigen, hat die Reformation, die nur eine Umgestaltung innerhalb gewisser Grenzen war, ihn geradezu bestätigt und hochgebracht.

Anderseits beweist jede ganz alte Übersetzung der Schrift, ebenso wie jede mittelalterliche oder neuzeitliche Übertragung, entweder durch ihre Konsequenz, wenn sie konsequent gewesen ist, oder sonst durch ihre Inkonsequenz, dass die Konkordante Bibel in ihrer Wiedergabe der betrachteten Wörter durchaus korrekt ist. Jede Übersetzung, die nicht folgerichtig die Ausdrücke »Äon« und »äonisch« oder »Zeitalter« und »ein Zeitalter dauernd« oder dergleichen Wendungen gebraucht, ist gezwungen, von wenigstens zwei sich gegenseitig widersprechenden Begriffen Gebrauch zu machen.

Es genügt wahrhaftig nicht zu sagen, wie man oftmals hören kann, der schlichte Leser solle einfach annehmen, was geschrieben steht, da er ja nur vor sich hat, was der Übersetzer für die Wahrheit hielt. Oder man müsse als demütiger Christ das glauben, was die Gemeinde in ihrer Gesamtheit glaube, sonst würde man sich am Heiligen Geist versündigen, der die Gemeinde erleuchte. Wer den Glauben irgendeines Menschen oder einer Körperschaft zur Autorität erhebt, verlässt die einzig sichere Grundlage der Wahrheit – Gottes Wort. Und es ist gerade diese Praxis, durch die am heiligen Geist gesündigt wird, der den einzelnen stufenweise weiterführen will, wie es seiner Fassungskraft und seinem geistlichen Wachstumsprozess entspricht, und der nach Gottes Rat und Willen jedem Zeitalter ein anderes Maß an Erleuchtung und Erkenntnis zu vermitteln hat. Wo er daran gehindert wird, erlischt bald alles wahre geistliche Leben und es bleibt nichts übrig als eine starre, tote Form. Verknöcherte Kirchen und Gemeinschaften rings um uns her reden eine warnende Sprache. In allen solchen hat man sich auf irgendein »Bekenntnis« festgelegt, und sich weiterführen zu lassen gilt als Ketzerei. Diese Einstellung ist charakteristisch für die Kirche Roms, aber durchaus nicht für diese allein.

Es genügt auch nicht, »griechisch und hebräisch zu können«, um imstande zu sein festzustellen, was der Grundtext lehrt, wie viele meinen. Alle Übersetzer haben diese Sprachen studiert und doch Irrtümer bestätigt. Wie das geschehen konnte, haben wir unseren Lesern hoffentlich ein wenig näher erläutern können. Wörter verändern im Lauf der Zeit ihre Bedeutung. Und nicht nur das, viele werden heute lediglich nach einer aus dem Mittelalter übernommenen Überlieferung erklärt, während es vor allem nötig ist, auf das Genaueste zu erforschen, was die Schreiber des inspirierten Grundtextes darunter verstehen mussten. Dazu ist es notwendig, erstens die Vorkommen eines Wortes an allen Stellen und in sämtlichen Zusammenhängen zu beachten; denn nur eine Bedeutung, die von allen Vorkommen bestätigt wird, kann die richtige sein. Vor allem kann ein von Gott für eine der wichtigsten Offenbarungen gewählter Ausdruck nicht zwei sich gegenseitig widersprechende Bedeutungen haben. Zweitens gilt es, die ältesten Übersetzungen zu prüfen, die der Zeit der Abfassung des Grundtextes am nächsten standen. Sind sie an Autorität auch nie der inspirierten Grundschrift gleichzustellen, so können sie uns doch viel Licht über die Anwendungsweise von Wörtern vermitteln. Und es sind diese Forschungen, die die Hauptvorarbeit für die konkordante Übertragung ausmachten. Auch der Verfasser dieses Aufsatzes hat jahrelang hierbei mitgewirkt. Es ist deshalb aus tiefster, in viel Erfahrung gewonnener Überzeugung, dass er zum Schluss die folgende Behauptung aufstellt:

Es ist tatsächlich etwas Großes, was wir für die konkordante Übersetzung in Anspruch nehmen, aber wir erheben diesen Anspruch ohne Furcht vor seiner Widerlegung und ebenfalls ohne Furcht vor allem Widerspruch: Sie ist die heute verfügbare wortgetreueste Übersetzung, die durch ihr System in angemessener Weise die Heilige Schrift als von Gottes Geist durchhaucht anerkennt.

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