Die Adler

Die Adler

Vor undenklich langer Zeit, als es die Erde noch nicht gab, lebten die Vögel im Land der Liebe. Das heißt, sie lebten eigentlich nicht, weil sie damals von ihrer Existenz noch nichts wussten. Sie waren einfach da, ohne voneinander und von sich selbst zu wissen, in dunkler, warmer Geborgenheit.

Eines Tages beschloss der König des Landes, seine Vögel aufzuwecken. Lange hatte er sie betrachtet und sich an ihrer Vielfalt und Farbenpracht erfreut. Nun berührte er behutsam die Brust eines jeden Vogels. Zum ersten Mal breiteten sie ihre Flügel aus, zitternd und unbeholfen. Sie spürten, dass sie lebten und dass andere neben ihnen lebten. Ein ungeheures Glücksgefühl erfüllte ihre Seelen: Hier war es schön, denn jeder fühlte sich mit dem anderen verbunden. Und der König sorgte gut für sie. Er kümmerte sich um Futter und achtete darauf, dass ein jeder die Zuneigung und Liebe bekam, die er brauchte, um sich wohl zu fühlen, um zu wachsen und zu gedeihen.

So wuchsen die Vögel heran und unter der liebevollen Obhut des Königs machten sie ihre ersten Flugversuche. Es war gar nicht so leicht für sie, die Flügel richtig zu gebrachen. Sie mussten lernen, sich so in den Wind zu legen, dass er trug und sich so zu bewegen, dass sie vorankamen. Aber Tag für Tag verbesserten sich ihre Flugkünste. Und es machte ihnen Freude, zu leben und zu fliegen.

Als alle Vögel die Kunst des Fliegens perfekt beherrschten, berief der König eine große Versammlung ein. „Ihr habt lange in meinem Land gelebt“, sprach er. „Ich habe euch das Fliegen beigebracht und das Futtersuchen, so dass ihr von jetzt an für euch selbst sorgen könnt. Nun seid ihr frei. Fliegt, wohin immer ihr wollt. Eure Reise wird ein großes und gefahrvolles, aber auch ein schönes Abenteuer sein.“

„Warum sollen wir fortfliegen aus diesem Land und fort von dir, wo wir doch glücklich sind?“ piepste ein kleiner Vogel und flatterte ängstlich mit seinen Flügeln, denen er doch nicht so recht zu trauen schien. „Dieses Land heißt ‚Liebe‘, erwiderte der König. „Deshalb müsst ihr frei sein und aus eigenem Willen hierher zurückkehren. Hier ist der Ausgangspunkt und das Ziel eures Lebens. Ich gebe euch die Sehnsucht mit auf den Weg, damit ihr nicht aufhört zu suchen und nie vergesst, wo ihr daheim seid. Singt in euren Liedern von mir und meinem Land.“ Jeden Vogel winkte der König noch einmal zu sich und flüsterte ihm ein Abschiedswort ins Ohr. Zum Schluss waren nur noch wenige Vögel übrig, die auf das Wort des Königs warteten, um sich dann in die Lüfte zu schwingen.

„Für euch habe ich noch einen besonderen Auftrag. Die Stimme des Königs klang leise und sehr geheimnisvoll, so dass die kleine Vogelschar erstaunt aufhorchte. „Ich brauche eure Hilfe. Diejenigen, die ich gerade in ihre Freiheit entlassen habe, werden es schwer haben. Denn nichts ist schwerer zu leben als die Freiheit. Sie sind ins Ungewisse geflogen. Sie müssen ihre eigenen Erfahrungen machen; Erklärungen und Warnungen hätten ihnen wenig bedeutet. Bisher kannten sie ja nur die Wärme und Geborgenheit meiner Nähe. Nun sind sie sich selbst überlassen und werden zum ersten Mal die Einsamkeit fühlen.

Sie werden die bunten Blumen und grünen Bäume erleben, die ich zu ihrer Freude gepflanzt habe; an klaren, sprudelnden Quellen werden sie ihren Durst löschen und auf den Wipfeln der höchsten Bäume ihre Lieder singen. Aber sie werden auch den kalten Wind spüren; Regen und Schnee werden auf sie einstürmen, wenn sich die Wolken zusammenballen und den Blick zur Sonne versperren. Im Winter wird ihre Welt ganz farblos sein und kalt. Sie werden sich Nester bauen aus Lehm und Stroh, zum Schutz und aus Sehnsucht nach Wärme.

Nein, ich werde sie nicht vergessen. Keine Stunde wird vergehen, wo ich mich nicht um sie sorge. Aber sie werden mich vergessen und mein Wort, das ich ihnen zum Abschied gab. Und viele von denen, die es behalten, werden daran zweifeln. Darum müsst ihr es ihnen wieder bringen, dieses Wort. Fliegt zu denen, die frierend am Boden kauern und nicht mehr wissen, wozu sie ihre Flügel gebrauchen können. Fliegt zu denen, die satt und selbstzufrieden in ihren Nestern hocken und ihre eigentliche Bestimmung vergessen haben. Fliegt zu denen, die im Flug die Kraft verlassen hat und die taumelnd über dem Abgrund schweben. Heilt ihre verletzten Flügel und ihre traurigen Seelen mit meinem Wort!“

„Was sollen wir ihnen sagen, großer König?“ fragten die Vögel wie aus einem Mund. „Sagt jedem einzelnen: Du bist ewig geliebt! Schaut jeden so lange an, bis er glaubt, seine Flügel ausbreitet und sich voller Mut und Hoffnung aufmacht. Ihr seht“, fuhr der König fort, „ihr habt eine große Aufgabe. In eurer Hand liegt das Schicksal derer, die ich liebe. Ich nenne euch ‚Adler‘ und gebe euch mächtige Flügel, die euch verlässlich tragen in der Weite des Horizonts. In euren Augen wird ein Licht funkeln, das heller ist als der Tag. Ihr werdet nicht im Schutz der Bäume Nester bauen, sondern in höchster Höhe auf nacktem Felsen eure Behausungen haben. Diese Unwegsamkeit nehmt ihr nicht umsonst in Kauf. Mit eurem Beispiel erinnert ihr alle anderen Vögel daran, dass sie unterwegs sind. Ihr weckt in ihnen die Sehnsucht nach dem Land, das ihnen ewig Heimat sein wird.“

Die Adler waren von den Worten des Königs tief beeindruckt. Sie fühlten in sich eine seltsame Mischung aus Begeisterung, Stolz und Angst. „Großer König“, sprachen sie, „dein Auftrag ist uns eine große Ehre, und gern möchten wir dir helfen. Aber sind wird nicht zu schwach für dieses Wagnis? Du hast uns riesige Flügel gegeben und dein Licht in unsere Augen gezaubert. Aber in uns schlägt ein Herz, das nicht größer ist als das der anderen Vögel, denen zu helfen du uns hinaus schicken willst. Auch wir spüren in uns die Angst vor der Einsamkeit und Kälte; auch wir spüren die Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit, die wir in unseren notdürftig zusammengebauten Behausungen auf Fels und Eis entbehren müssen.“

„Ihr habt recht“, erwiderte der König. „Euer Herz ist nicht größer als das der anderen, und das hat seinen Sinn. Gäbe ich euch ein weiteres Herz, dann könntet ihr eueren Auftrag nicht erfüllen. Ihr würdet zu den Vögeln fliegen, ihnen große Dinge sagen, aber sie würden eure Sprache nicht verstehen. Daher muss auch euer Herz die Angst kennen, den Zweifel und die Sehnsucht, die Schuld und die Vergebung. Denn wer nicht mit-leidet, versteht nichts von der Not der anderen. Ihr, meine Adler, werdet stärker unter eurer Angst und dem Bewusstsein eurer Schwächen leiden als die anderen Vögel, weil eure Sehnsucht nach Vollkommenheit größer ist. Doch seid getrost: ihr dürft schwach sein. Es ist sogar notwendig, dass ihr das spürt, denn aus dem Empfinden eurer Grenzen wachsen die Demut und das Vertrauen zu mir. Glaubt an meine Größe, die ich euch offenbaren will. Dann wird kein Sturm euch aus der Bahn werfen.“ Damit ging der König nun auf jeden Adler zu, sah ihn lange liebevoll an und entließ ihn mit den Worten: „Ewig bist du mein!“ (Jesaja 40,31)

(Verfasser unbekannt)

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